Bagger auf Längengrad

Sonntag war’s wie früher als ich klein war. Ich wollte nicht raus und hörte im Kopf meine Mutter sagen: „Jetzt geh mal raus. Nachher freust du dich, wenn du draußen warst.“ Zuerst freu‘ ich mich nicht: es ist kalt, nass und windig und ich will einen Bagger am Schwedenkai suchen. Und dann finde ich nicht nur den, sondern auch das Längengrad.

Bei Mutmaßungen ob der Bagger nun eigentlich vor oder hinter der Stena-Fähre liegt, sehe ich vor dem Stenaline-Gebäude einen Glaskasten, der anmutet wie eine Speisekarte. Bei näherer Betrachtung ist es die Speisekarte des Restaurants im Fährterminal. Ich bin überrascht, ich wusste nicht, dass es dort ein Restaurant gibt. Die Karte sieht interessant aus und verspricht Belohnung für die Suche nach dem Bagger.

Welcher Bagger jetzt eigentlich? In den KN habe ich gelesen, dass die Stena-Fähren eine zunehmende Wassertiefe am Schwedenkai verursachen und dass die Spundwände gefährdet sind. Deshalb ist nachts ein Schwimmbagger im Einsatz, um den Sand, den die Fähren im Hafen umverteilt haben, wieder zurückzubringen.

Hinter dem Heck der Stena-Line finde ich den Bagger am Schwedenkai liegen, der jetzt irgendwie seine Anziehungskraft verloren hat. Das Stena-Line Gebäude entpuppt sich als viel interessanter. Sowohl von außen als auch von innen.

Es ist früher Nachmittag und nicht viel los im Terminal. Klar, die Fähre legt ja auch erst um 19.00 Uhr ab. Gäste aus Göteborg, die eine Tagesreise nach Kiel gemacht haben, könnten allerdings jetzt schon wieder an Bord, wie ich von dem netten Herrn am Fahrkartenschalter erfahre.

Nachdem ich das schräge Glasgebäude ausgiebig erkundet habe, mache ich mich mit dem Fahrstuhl auf den Weg in den vierten Stock ins Restaurant Längengrad. Das hatte ich nicht erwartet: Ein großzügiger Raum in dunkelgrün mit Theke in der Mitte, Lounge-Möbeln im Eingangsbereich und Esstischen entlang der großen Fensterwände. Trotz des Regens gibt’s einen schönen Blick auf die Stena-Line, die Förde und auf der anderen Seite auf die Innenstadt.

Die Speisekarte verspricht interessante Gerichte: Fisch mit Spitzkohl und Makadamiakartoffelmus, Salat mit Lachs und Avocado und Limettensauce, Safran Crème Brûlée mit Walnußparfait. Leider ist die Ausführung nicht so geschmackvoll, wie Speisekarte und Ambiente versprochen hatten.

Der Wein schmeckt allerdings sehr gut. Das ein oder andere Getränk werde ich sicher nochmal zu mir nehmen im Längengrad und auch das Essen bekommt noch eine weitere Chance. Und im Sommer will ich unbedingt mal auf der Terrasse des Längengrad sitzen, was schönes Trinken und zusehen, wie die Stena-Fähre ablegt. Wie gut, dass ich raus gegangen bin.

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